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Warum der Super-Boom voller Risiken steckt

Geschrieben von: Henrik Müller

Deutschland feiert sich selbst: Nach der schwersten Rezession erlebt die Republik den stärksten Aufschwung seit der Wiedervereinigung. Damit der Super-Boom keine katastrophalen Folgen hat, müssen wir die Antwort auf eine scheinbar absurde Frage finden: Wie lässt sich die Dynamik bremsen?

Hamburg - Wer in diesen Monaten Rainer Brüderle gegenübersitzt, der erlebt einen gelassenen Mann. Kein Wunder: Nach langen Jahren auf den Oppositionsstühlen im Bundestag genießt er das Regierungsamt. Wirtschaftsminister sein in Zeiten des stärksten Aufschwungs seit 20 Jahren - kann man es im Frühherbst der Karriere besser treffen?

Man kann.

Man kann sich ausmalen, dass dieser Boom noch eine Zeit so weitergehen wird.

"Wir befinden uns doch gerade erst im Aufschwung", sagte Brüderle im Interview mit dem manager magazin. "Er wurde im Wesentlichen durch die Auslandsnachfrage ausgelöst. Dieser Exportboom wird sich ab 2011 normalisieren, dann muss mehr und mehr die Binnennachfrage die Rolle als Wachstumstreiber übernehmen." Später dann, so der Minister weiter, soll der Aufschwung politisch verlängert werden. "Um die Binnennachfrage zu stärken, brauchen wir in der Perspektive Steuersenkungen. Das ist antizyklische Politik."

Vielleicht hat Brüderle recht.

Vielleicht braucht die Wirtschaft 2012 oder 2013 tatsächlich einen neuen Stimulus, weil zwischenzeitlich neue negative Schocks aufgetreten sind. Die Unmengen an Schulden in der gesamten westlichen Welt haben das Potential, noch eine Menge Unheil anzurichten. Wann, wo und wie - das kann heute niemand wissen.

Vielleicht hat Brüderle aber auch Unrecht.

Denn aus heutiger Sicht ist ein weiteres staatliches Gasgeben nicht nötig. Im Gegenteil: Die Wirtschaft brummt, die heutigen Zahlen über die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zeigen es wieder: Im Jahr 2010 ist die deutsche Wirtschaft um 3,6 Prozent gewachsen. Das Plus war damit so groß wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Die meisten Prognosen sind damit übertroffen worden.

Antizyklische Politik ist geboten

Das Institut "Kiel Economics" hat für das manager magazin eine Mittelfristprognose bis 2015 aufgestellt, wonach Deutschland schon jetzt über seinen Möglichkeiten wächst. Technisch gesprochen, ist die "Output-Lücke" positiv, also übersteigt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Produktionsmöglichkeiten bei Normalauslastung der Kapazitäten.

Das Gasgeben besorgt derzeit bereits die Europäische Zentralbank, die die Zinsen weiter niedrig hält, um schwächere Euro-Partner zu stützen. Staaten, in denen es besser läuft, müssten unter diesen Bedingungen eigentlich gegensteuern, um Inflation oder Blasenbildung auf den Immobilienmärkten zu verhindern. Das wäre antizyklische Politik, wie sie innerhalb einer Währungsunion geboten ist.

In der Realität jedoch hat solches Gegensteuern bislang nur im Ausnahmefall stattgefunden. Weder Spanien noch Irland - auch das waren mal Euro-Vorzeigevolkswirtschaften, ähnlich wie heute Deutschland - waren willens und bereit, die Booms in ihren Ländern effektiv genug zu bremsen. Die Folgen sind bekannt.

Gedankliche Grundlagen für Kursänderung

Deutschland droht diese Fehler nun zu wiederholen. Nach wie vor ist die Bundesrepublik mental gefangen in der Standortdebatte der vergangenen 20 Jahre. Steuern runter, Stückkosten runter, Lohnzurückhaltung - das war richtig und notwendig, um sich auf den härteren Standortwettbewerb einzustellen. Deutschland hat das letztlich erfolgreich hinbekommen, wie sich heute zeigt.

Doch nun ist eine neue Ära angebrochen, in der andere Fragen prioritär werden: Wie lässt sich eine überschäumende Dynamik bremsen? Mit welchen politischen Weichenstellungen schafft man es, in einer schrumpfenden Gesellschaft die Produktionsmöglichkeiten zu steigern, so dass es nicht so rasch zu einer Überhitzung kommt? Darum sollte es jetzt gehen.

Von allein werden die Märkte jedenfalls nicht zu neuem Gleichgewicht finden; diese Lehre lässt sich aus dem ersten Euro-Jahrzehnt ziehen. Innerhalb einer Währungsunion bauen sich Ungleichgewichte hartnäckig auf und nicht so leicht wieder ab. Die Folgen können ziemlich dramatisch sein - so wie jetzt auf der Iberischen Halbinsel oder in Irland.

"Ich", sagt Minister Brüderle, "sehe momentan und für die nächsten Jahre in der deutschen Wirtschaft nicht die Gefahr von Überhitzung oder Inflation, die ein Gegensteuern der Politik erforderlich machen würde."

Richtig. Unmittelbare Bremsmanöver wären voreilig. Aber die gedanklichen Grundlagen für eine Kursänderung, die müssten längst gelegt werden.



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